Vor einigen Wochen habe ich im Rahmen meines Studiums eine Reportage über einen Abend hinter Theaterkulissen geschrieben und dafür Claudius Körber einen Abend lang im Schauspielhaus Graz begleitet.

Claudius Körber steht nach einer schnellen, ungründlichen Rasur in der Garderobe des Schauspielhauses Graz. Er lächelt schelmisch: „So, der Rest ist Kunst“. Claudius Körber, der heute als „Peer Gynt“ auf der Bühne steht, zieht sich hier mit seinen Kollegen vor Vorstellungsbeginn um. 40 Minuten hat er dafür noch Zeit, es ist 18:50 Uhr.
“Die Stimme klappert heute total”, meint er, nachdem er wieder einen Schluck Anis-Kümmel-Fenchel-Tee getrunken hat: “Sonst ist es immer Kaffee. Heute gibt es weder Kaffee, noch eine Pausenzigarette – meiner Stimme zuliebe.” Claudius’ Kollegen putzen sich die Zähne, ziehen sich um und wärmen lautstark ihre Stimmen auf. Hinter den Plätzen der Schauspieler hängen ihre Kostüme für die heutige Vorstellung. Claudius hat Kapuzenweste und löchrige Wollhose bereits an. Dazu zwei paar Socken, denn er ist krank.
Am Weg zur Bühne zieren Fotos vergangener Produktionen die Wände. Das gesamte Stockwerk wirkt eng, strahlt aber trotzdem Ordnung aus. Zwei schwere, schwarze Türen trennen die Räumlichkeiten von der Hauptbühne. Dahinter ist es dunkel.
Der 28-jährige Claudius ist einer von 22 Akteuren des Schauspielhauses Graz. Der Deutsche spielt seit 2007 im Schauspielhaus-Ensemble und ist heuer auch als „Hamlet“ und in „Meister und Margarita“ zu sehen. Zehn der 22 Schauspieler wirken auch bei der heutigen Vorstellung mit. Schulter an Schulter sitzen sie hinter dem Bühnenbild, die Köpfe gesenkt. Sie lesen ihren Text, konzentrieren sich. Claudius marschiert zielstrebig an ihnen vorbei, direkt zur letzten Probe. Vor leerem Zuschauerraum probt er noch einige Passagen. Oft muss die Souffleuse aushelfen, nicht alle Dialoge klappen perfekt. Das sei aber normal, versichert Claudius: „Wenn es dann aber losgeht, sitzt der Text.“ Noch 15 Minuten bis Vorstellungsbeginn, der Publikums-Einlass beginnt.
Nun bleibt kurz Zeit, mit Kollegen zu tratschen und zu scherzen. In Kürze werden einige der Akteure in ihrer Rolle sterben, jetzt unterhalten sie sich noch über Kochrezepte. Nun werden schnell die letzten Vorbereitungen getroffen. Claudius muss in die Maske – als Letzter. Puder, Schminke, Lidstrich – in einer Minute ist alles erledigt. „Bei Claudius haben wir es immer besonders schwer, ihn richtig hinzubekommen“, scherzt der Maskenbildner ironisch. Die Requisiteure, Techniker, Ankleiderinnen schwirren nun umher – emsig, aber geordnet. Claudius ist auf der Suche nach einem Taschentuch, die Verkühlung macht ihm zu schaffen.
Licht an. Musik an. Es ist 19:34 Uhr, Claudius zeigt sich erstmals dem Publikum. Hinter der Bühne herrscht rege Betriebsamkeit – Kostümwechsel, flott marschierende Schauspieler. Hektik kommt nie auf – alle arbeiten präzise und koordiniert.
Claudius verkörpert seine Rolle voller Einsatz und Energie. “Er ist gut heute”, meinen die Kollegen hinter der Bühne. Die zuvor geübten Dialoge klappen, das Publikum applaudiert. Um kurz nach 22 Uhr leuchtet am Monitor des Inspizienten “Black Out” auf. Musik aus. Licht aus. Die Schauspieler verbeugen sich, das Publikum applaudiert.
In wenigen Minuten wird Claudius Körber das Outfit von “Peer Gynt” abgestreift haben und seine Arbeitsstätte verlassen. Nicht gründlich rasiert, dafür aber mit zwei Paar Socken. Der Rest ist Kunst.





